there's a cook in the kitchen! - celebrity cookoff!
Dienstag, 25. Januar 2005

Der Kotzbrocken

Der Kotzbrocken

Wer sich in die Gluthölle einer sternendekorierten Restaurantküche begibt, um sein Geld als Koch zu verdienen, der lässt alle Hoffnung fahren und tritt einer Töpfe-rührenden Sekte von Eigenbrötlern bei, die unter sich bleiben, mit rotgeränderten Augen, schwitzend über schwarzen Eisenplatten zubereiten, was nur wenige Schritte weiter, verspeist und meist gepriesen wird. Hinter der Schwingtür schwelgt der Gast, die Fronten sind geklärt. Von drinnen dringt nichts durch die Wand aus gebellten Zubereitungsbefehlen und heißem Dampf, im Gegenzug leugnet der Gast die Existenz einer Küchenbrigade und setzt das Lorbeerkrönchen grundsätzlich nur dem Mann auf, dessen Name, gut lesbar, die Vorderseite der Speisekarte ziert.

Nur Stammgästen gelingt bisweilen der Sprung über den Servicepass. Verwirrung dann, auf beiden Seiten, künstlich grinsend starrt man einander an. Dein Gast, das unbekannte Wesen. Was? So viele Köche kochen hier? Schnell zieht es den Gast zurück zum Kerzenlicht, den Köchen eine Runde Bier.

Nicht so, Herr Warth. Stammgast. Distanzlos. Enthemmt. Laut. Und ein echter Kotzbrocken.

Warths Auftritte waren berüchtigt und spektakulär. Der Alte hatte, und das pflegte er selbst in die Welt hinauszuposaunen, unter Hitler mehr als nur gedient. Er war Stammgast in unserem kleinen Gourmet-Restaurant, er kam nicht nur wegen der berühmten Kochkünste des Meisters, auch die Lage des Restaurants, nahe des Bodensees, im Dreiländereck, war günstig für ihn und seine Klienten. Der alte Nazi war erfolgreicher Waffenhändler.

Sein Alter sah man ihm nicht an, er hatte die siebzig schon weit überschritten, gesund und kräftig sah er aus, fleischige, rote Wangen, ein Berg von einem Mann. Neben seinem unschönen Beruf pflegte Warth ein skurriles Hobby, das er bei uns auslebte. Er quälte Menschen mit Essen. Mit diabolischer Freude weidete er sich an den Gesichtern seiner, meist arabischen Kundschaft, die um Haltung ringend, gegen ein opulentes Menü ankämpften, unter 15 Gängen war nichts zu machen, beim alten Warth. Er selbst war gesegnet mit einem guten Appetit, er traf stets vor seinen Gästen ein, erkundigte sich in der Küche nach dem Personalessen und verdrückte schon mal gerne mit Genuss einen Teller davon: „Gegen den ersten Hungerrrrr, ich sterrrb ja hier bis die Scheißkanaken endlich mit Ihrem Gebetsteppich angerauscht kommen.“

Wir waren immer gut vorbereitet, wenn Warth die Küche überfiel, Kartoffelsalat wurde noch mal mit Tabascosauce verfeinert, eine Suppe reicherten wir mit Fischinnereien an. Er schien das nicht zu bemerken, verschlang unbeeindruckt und hastig die gereichten Speisen. Was schert es die deutsche Eiche, wenn sich eine Sau an ihr reibt, war einer seiner Klassiker.

Eines abends dann, schlugen wir ihn mit seinen eigenen Waffen.

Alles lief wie immer, die Araber stöhnten leidend, Warth aß und orderte neue Speisen. Gegen halb zwölf, kurz nach dem Hauptgang, erschien er in der Küchentüre, knallte die Hacken zusammen und rief nach dem Chef: „Verehrrrrter Meisterrr, diese grrrüne Sauce gerade, die war ein wahrlich göttlicher Schmaus, davon hätte ich gerne ein Glas mitgenommen.“ Der Küchenchef, Monsieur, ein Franzose mit Humor abseits der Norm, rief mich herbei und stellte mich Warth vor: „Das ist Herr Paulsen, der Obersturmbannführer unserer kalten Küche, er hat diese Sauce kreiert.“ Warth knallte erneut mit den Hacken, hob die Hand zum Hitlergruß und brüllte: „Obersturmbannführer Paulsen, meinen Rrrrespekt, grrrroßartige Leistung!“. Ich durfte Warth ein Gläschen Pesto abfüllen, er drückte mir fünf Mark in die Hand und raunzte verschwörerisch:“Das ist für dich, Kamerrrrad“.

Dann entdeckte er die Austern am Fischposten. „Herrrlich, frrrische Austern, man bringe mir ein Dutzend, soforrt!“ Er aß zwei Dutzend. Und dann hatte Monsieur eine glorreiche Idee, eilte ins Restaurant und lud Warth auf ein weiters Dutzend ein. Der nahm freudig an, leider hatte dieses letzte Dutzend, die Wirkung des berühmten Pfefferminzplätzchens in einem Restaurant-Sketch von Monty Python. Ohne Ankündigung erbrach Warth 14 Gänge, 32 Austern und drei Flaschen Rotwein auf den Tisch.

Die Araber schafften es mit grünbleichem Teint, noch zur Toilette und von dort, ohne Umwege, zu ihren Wagen in der Tiefgarage. Warth reinigte sich oberflächlich, hinterließ 500,- DM Trinkgeld und wir haben den Kotzbrocken nie wieder gesehen.


... Comment

excellent.

... Link


... Comment
ihh,

fiese, die armen putzfrauen!

... Link


... Comment

Online for 8709 days
Last update: 23.08.18, 23:10
status
Youre not logged in ... Login
menu
recent updates
orthorexie musste ich erst
mal guhgeln.
by plautze (23.08.18, 23:10)
sahra wiener erzaehlt jetzt
grade im radio ueber orthorexie, haha.
by mutant (17.08.18, 12:54)
3 jahre spaeter ueberkommt mich
immer noch ekel und ich frage mich zusaetzlich: woher...
by mutant (20.04.18, 00:13)
der juergen dollase, der hat
ja sooo recht! http://blogs.faz.net/blogseminar/wir-brauchen-dringend-eine-hochschule-fuer-kochkunst/
by mutant (28.02.17, 14:22)
peruanisches essen soll generell sehr
gut sein, ich bin ja nicht fuer meeresgetier, aber...
by mutant (27.11.15, 14:13)
Bei Sarah Wiener ist vermutlich
auch der Toilettenbesuch ein Akt unbefleckter Ausscheidung über den...
by plautze (06.07.15, 18:08)
sarah wiener bashing hatten wir
lange nicht mehr…. Vegan ist auch keine Lösung schreibt wiener...
by mutant (25.06.15, 08:21)
haha, sehr schoen panne: heinzer
vs tv-koch "selbst dein stockbrot hat scheisse geschmeckt"
by mutant (26.03.15, 14:30)
mal was anderes…. da ich
ja eigentlich nicht mehr aktiv foodblogge (3x im jahr ist...
by mutant (18.03.15, 09:16)
search
calendar
April 2026
So.Mo.Di.Mi.Do.Fr.Sa.
1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930
Februar

RSS Feed

Made with Antville
Helma Object Publisher